Bina Agarwal
Indien/Grossbritannien
Balzan Preis 2017 für Gender Studies
Für die Überprüfung traditioneller Prämissen in den Wirtschafts- und Sozialwissenschaften durch einen innovativen Ausblick auf Genderfragen; für die Sichtbarkeit und Förderung von Frauen der Landbevölkerung im globalen Süden; für die Öffnung neuer intellektueller und politischer Wege in den Bereichen Gender und Entwicklung.
Bina Agarwal wurde 1951 in Indien geboren. Sie studierte an den Universitäten von Cambridge (UK), wo sie ihr Grundstudium (Economics Tripos) abschloss, und von Delhi (Indien), wo sie 1978 ihren PhD in Wirtschaftswissen- schaften erwarb. Dort wirkte sie ab 1988 als Professorin für Wirtschaftswissenschaften und wurde 2009 zur Direktorin des Instituts für Wirtschaftswachstum ernannt. 2012 übernahm sie einen Lehrstuhl für Entwicklungsökonomie und Umwelt an der Universität Manchester in UK. Außerdem bekleidete sie angesehene Lehr- und Forschungspositionen an vielen Universitäten, u.a. Harvard, Princeton, Minnesota und Sussex. Sie hat sich auch politisch engagiert, z.B. im UN-Komitee für Entwicklungspolitik (New York) und in der Planungskommission der indischen Regierung. Ihre Arbeit wurde mit vielen Auszeichnungen und Preisen bedacht. Dazu zählen 2008 der Padma Shri, ein vom indischen Präsidenten verliehener Zivilorden, 2010 der Leontief-Preis der Tufts University für “die Erweiterung der Grenzen des ökonomischen Denkens”, und kürzlich der Louis Malassis International Scientific Prize 2017 für “eine herausragende Karriere in der Agrarentwicklung”.
Bina Agarwal ist eine Entwicklungsökonomin. Seit den Anfängen ihrer eindrucksvollen Karriere war es ihr ein Anliegen, die Lebensbedingungen armer Frauen der Landbevölkerung in Indien und im globalen Süden zu verändern. Ihre Beiträge zu den Rechten der Frauen auf Landbesitz und Eigentum in Südasien wurden umgehend als bahnbrechend anerkannt und mit verschiedenen Preisen bedacht. Ihre weitreichenden Interessen betreffen Kernfragen von Gender und Entwicklung: Armut und Ungleichheit; Landwirtschaft, Technologie und Ernährungssicherung sowie Umwelt-Governance. Durch originelle Fragestellungen und eine wahrhaft interdisziplinäre Forschung, welche Ökonomie, Rechtswissenschaften, Ethnographie, Soziologie, politische Wissenschaf- ten und Anthropologie miteinander verbindet, gelingt es ihr, unerwartete und aufschlussreiche Antworten zu finden – Antworten, welche nicht nur eine globale Forschungsagenda eröffnen, sondern auch politische Programme von Regierungen, Nichtregierungsorganisationen und internationalen Institutionen beeinflusst haben, die gegen geschlechtsspezifische Ungleichheit in all ihren Ausprägungen antreten.
Bina Agarwals akademische Leistungen beweisen die ungewöhnliche Breite ihres Fachwissens. Mit ihrer Forschung übt sie Kritik an geschlechterdiskriminierenden Vorstellungen über den Beitrag von Frauen zur Wirtschaft. Sie liefert den theoretischen Rahmen, um die Möglichkeiten zu erkennen, mit denen Frauen innerhalb und außerhalb der Familie gestärkt werden können, und analysiert empirisch die komplexen Entwicklungshemmnisse. Das bekannteste der zahlreichen Bücher und Artikel, die von ihr verfasst und herausgegeben wurden, trägt den Titel A Field of One’s Own (1994), eine wegweisende Untersuchung über das Recht von Frauen auf Landbesitz und Eigentum. In dieser akri- bischen komparativen Analyse von fünf südasiatischen Ländern unterstreicht sie, dass sich nicht nur die wirtschaftliche, sondern auch die soziale Stellung der Frauen verbessert, wenn ihr Recht auf unabhängigen Landbesitz und Eigentum gestärkt wird. In einer anderen grundlegenden und innovativen Studie, Gender and Green Governance (2010), erforscht sie die Frage, ob mit einer stärkeren Frauenbeteiligung in Waldbewirtschaftungs-Ausschüssen der Waldschutz verstärkt werden kann. Auf der Grundlage einer eindrucksvollen Menge an Daten, die sie selbst und jüngere Forscher unter ihrer Anleitung vor Ort gesammelt haben, arbeitet sie die Schwächen von Top-down-Ansätzen zur umweltpoliti- schen Steuerung heraus und zeigt auf, dass eine kritische Masse von Frauen in Exekutivausschüssen forstwirtschaftlicher Gemeinschaftseinrichtungen die Qualität von Wäldern und die Biodiversität weiterentwickeln und somit die Umwelt-Governance verbessern kann.
Ihre Arbeiten bereichern die Gender Studies durch eine dringend benötigte südasiatische Perspektive und den dazugehörigen Ansatz politischer Ökonomie. Einerseits haben neue Erkenntnisse der Gender Studies, die außerhalb der Wirtschaftswissenschaften liegen, ihr Denken erweitert und in neue Richtungen gelenkt. Andererseits haben ihre originellen Forschungen entscheidend zu globalen Gender-Theorien beigetragen und dazu geführt, dass die Entwicklungsökonomie und interdisziplinäre Forschungsgebiete auf Genderprobleme aufmerksam wurden. In der akademischen Welt wird ihr Werk nicht nur wegen seiner großen Wirkung hoch geschätzt, sondern auch wegen der Umsetzung gesellschaftlich relevanter Ergebnisse in nationale und internationale Politik. Im Laufe ihrer Karriere hat Bina Agarwal ihre akademische Tätigkeit mit einer aktiven Beteiligung an politischen Debatten und Kampagnen verknüpft. Am bekanntesten ist hier ihre erfolgreiche Kampagne für eine Reform des Erb- rechts in Indien (2005). Diese starke und beständige soziale Relevanz unterstütz Bedeutung und Wirkung ihres Werkes.
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