Marilyn Strathern
Grossbritannien
Balzan Preis 2018 für die Sozialanthropologie
Für ihre außerordentlich innovativen Beiträge zur Kultur- und Sozialanthropologie, insbesondere für ihre Kritik westlicher Vorstellungen von Gender und Gleichheit sowie für ihre Untersuchungen zur Art und Weise, wie kulturell vertraute Konzepte in anderen Kontexten unterschiedlich funktionieren.
Im Mittelpunkt der Anthropologie von Marilyn Strathern stehen die Selbstdarstellungen der von ihr untersuchten Gesellschaften (die melanesischen Inseln von Papua-Neuguinea). Die Untersuchung, die in einer eher beschreibenden als erklärenden Perspektive erfolgt, stellt die Kategorien westlicher Forschung, insbesondere die Vernachlässigung der Dimension des Kontextes, radikal in Frage und führt zu einer grundsätzlichen Kritik des anthropologischen Ethnozentrismus. Strathern hält die Forscher dazu an, sich der eigenen Implikation in ihrem Gegenstandsbereich bewusst zu werden und ihre konzeptionellen Werkzeuge zu überprüfen.
Sie wandelt klassische anthropologische Konzepte wie „Gabe“ oder „Identität“ in Metaphern um, die eher als Gegenstände der Forschung denn als methodische Werkzeuge zu verstehen sind. Im Unterschied zu einer westlichen Ökonomie, die sich auf Güter, Gegenstände und Klassen konzentriert und Ungleichheit und Dominanz betont, stellt sie die dichte Beschreibung einer Ökonomie der Gabe, der Menschen und der Clans vor, wobei sie Interdependenz, Beziehungen und Prestige betont. In einer solchen Ökonomie steht das Wachsen und der Ausdruck sozialer Beziehungen im Vordergrund, in denen die Gabe eine konstitutive Funktion hat, die Gegenstände nicht Zweck, sondern Mittel sind und in denen der Beziehung eine gleichermaßen verbindende wie trennende Aufgabe zufällt – und das Absetzen nicht weniger wichtig ist als der Austausch. Marilyn Strathern gibt in diesem Zusammenhang Begriffe wie Verwandtschaft als Grund sozialer Bindung, Eigentum, Arbeit, Dominanz, Ungleichheit und Identität auf. Sie setzt den Akzent stattdessen auf die Bedeutung von Beziehungshandlungen, auf innere Fähigkeiten und Selbstkontrolle, auf Hierarchie über Inklusion sowie auf permanente Stimulierung von Transaktionen.
Bereits in ihren ersten ethnologischen Arbeiten zeichnet sich Strathern durch ihre Anthropologie des westlichen Feminismus und den Umgang mit feministischen Ansätzen in der anthropologischen Forschung aus. Insofern die Beziehung zwischen den Geschlechtern ein Modell für viele andere Beziehungen ist, kritisiert sie die Unzulänglichkeit von gewissen feministischen Konzepten (insbesondere den sexuellen Antagonismus) in den von ihr erforschten Gemeinschaften. Ebenso übt sie Kritik am naiven Konstruktivismus des Feminismus und stellt den Widerspruch zwischen seinen progressiven Zielen und seinen konservativen Konzepten heraus.
Was Marilyn Strathern zu einer überaus würdigen Balzan Preisträgerin macht, ist nicht zuletzt der – wie sie selbst sagt – „methodologische Skandal“ einer neuen Anthropologie, die mit den vorangegangenen Modellen der Ethnographie, der Sozialgeschichte und der Soziologie von Randkulturen bricht. Diese intellektuelle Leistung ist beispielhaft nicht nur für die vielen Spezialisten in ihrem eigenen Fachgebiet, sondern auch für die Anthropologie insgesamt und darüber hinaus für die Sozialwissenschaften.




Emeritus Professor, Social Anthropology, University of Cambridge
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