Stanley Jeyaraja Tambiah
Sri Lanka/USA
Balzan Preis 1997für Sozialwissenschaften: Sozialanthropologie
Für Stanley Jeyaraja Tambiah, der durch seine vorbildlichen sozialanthropologischen Analysen ethnischer Konflikte am Beispiel Südostasiens und durch seine Studien zur Dynamik buddhistischer Gesellschaften der Sozialanthropologie neue Wege zur systematischen Erforschung der inneren Triebkräfte verschiedener Kulturen eröffnet hat.

Professor Tambiah (*1929–†2014) ist einer der bedeutendsten Sozialanthropologen der Gegenwart. Seine Forschungen erstrecken sich auf einen weiten Kreis zentraler sozialanthropologischer Themen, und in allen hat er wegweisende Beiträge publiziert. Sein Werk spannt den Bogen von der klassischen Schule der englischen Sozialanthropologie der fünfziger und zu Beginn der sechziger Jahre zum Strukturalismus von Lévi-Strauss, geht jedoch weit darüber hinaus, indem es in innovativer Weise strukturelle mit historischer Analyse verbindet und diese auf die Beziehungen zwischen Kultur, Sozialstruktur und menschlichem Handeln anwendet. Auf dieser Grundlage beschäftigte er sich mit einem der wichtigsten Themen der klassischen Sozialanthropologie und des gesellschaftlichen Lebens schlechthin: dem Verhältnis zwischen rationalen und anderen, religiösen oder magischen Denkformen. In jüngster Zeit wandte er sich den hochaktuellen Problemen ethnischer Konflikte zu.

Seine erste Publikation, Buddhism and the Spirit Cults in Northeast Thailand (1970) beruht auf einer vorbildlichen Feldarbeit und gibt eine ethnographische und religionsgeschichtliche Gesichtspunkte verbindende scharfsinnige Analyse religiöser Volkskultur. Dieses Thema nimmt sein drittes Buch The Buddhist Saints of the Forest and the Cult of Amulets. A Study in Charism, Hagiography, Sectarianism and Millennial Buddhism (1984) wieder auf. Es geht von den Amulett- und Geistkulten weiter zur breiteren Problematik des Sektierertums in der tausendjährigen Geschichte des Buddhismus und entwickelt dabei plausible Erklärungen für das Spiel der Kräfte in der buddhistischen Gesellschaft. Zwischen diesen Büchern gab Professor Tambiah mit seinem World Conqueror and World Renouncer. A Study of Religion and Polity in Thailand Against a Historical Background (1976) eine der scharfsinnigsten Analysen der Beziehung zwischen sozialanthropologischen Strukturelementen und politischem Geschichtsprozess, und dies weit über den orientalistischen Forschungsgegenstand hinaus. Die Arbeit ist ein Modeli für ähnliche Untersuchungen in anderen Gesellschatten.

Es folgten Werke über Culture, Thought and Social Action (1985) sowie Magic, Science, Religion and the Scope of Rationality (1990), in denen einige der in der modernen Sozialanthropologie, ja Sozialwissenschaft im Vordergrund stehenden Probleme und Kontroversen in einer Weise diskutiert werden, die den Zwiespalt zwischen Relationalismus und evolutionärem Rationalismus löst.

Diese Werke, ergänzt durch zahlreiche Aufsätze zu Einzelfragen, gehen weit über eine rein orientalistische Betrachtungsweise hinaus und zeigen, dass man die Analyse des internen Kräftespiels verschiedener Kulturen mit deren eigenen Denkformen verbinden kann, ohne einem blossen Historizismus oder einem schematischen Entwicklungskonzept zu verfallen.

In den letzten zehn Jahren steht ein zentrales Problem der Gegenwart, der Ausbruch ethnischer Konflikte, im Zentrum von Professor Tambiahs Interesse, In seinen Büchern über Sri Lanka: Ethnic Fratricide and the Dismantling of Democracy (1986), Buddhism Betrayed? Religion, Politics and Violence in Sri Lanka (1992), und vor allem in seinem neuesten Werk über Leveling Crowds: Ethnonationalist Conflicts and Collective Violence in South Asia (1996) entwickelt er einen der wichtigsten wissenschaftlichen Beiträge zu diesem hochaktuellen Problem und vermeidet dabei die Gefahr einer Politisierung der Thematik. Er bringt hierseine Methode der Kombination sozialanthropologischer Analyse mit ethnographischen und historischen Untersuchungen in einen analytisch vergleichenden Rahmen ein und verbindet sie in origineller und Oberzeugender Weise mit einigen in den gegenwärtigen Sozialwissenschaften eher vernachlässigten Gesichtspunkten, vor allem mit dem auch politisch brisanten Phänomen des Massenverhaltens.
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