Aleida and Jan Assmann
Germany
2017 Balzan Prize for Collective Memory
Balzan Prize Awards Ceremony
Berne, Federal Palace, 17 November 2017
Acceptance Speech
Aleida Assmann

Verehrte Frau Bundespräsidentin,
sehr geehrte Mitglieder der Balzan Stiftung,
hochansehnliche Festversammlung,

Der Balzan Preis hat eine lange und ehrwürdige Tradition. Im Lichte dieser Tradition ist an der diesjährigen Preisverleihung einiges ungewöhnlich. Umso überwältigender war für uns die Überraschung und Freude, die uns mit dieser ehrenvollen Anerkennung zuteil geworden ist. Auch ich danke der Jury und der Stiftung für die Phantasie und den Mut zu dieser Entscheidung. Was genau ist an dieser Entscheidung ungewöhnlich?
Erstens ist ungewöhnlich, dass es ein Ehepaar ist, das als eine Forschungskooperation anerkannt wird. Wie kam es überhaupt dazu? Aufgrund unseres wachsenden Familienlebens habe ich die Universität zwischen 1981 und 1993 für 12 Jahre verlassen. Diese Phase habe ich damals jedoch nicht als einen Ausstieg aus der Wissenschaft empfunden, sondern als eine große Chance, mich auch außerhalb meines Fachs weiterbilden zu können. Um weiterhin aktiv an Debatten teilnehmen zu können, haben wir damals einen Arbeitskreis gegründet, in dem wir über Fächergrenzen hinweg kulturelle Grundlagenforschung betrieben. Im Nachhinein konnten wir feststellen, dass wir damit unsere eigene Form von ‚Kulturwissenschaft‘ erfunden haben.
Zweitens ist ungewöhnlich, dass ein Forschungsfeld ausgezeichnet wird, das es erst seit kurzem gibt und dessen Status in manchen Fächern immer noch umstritten ist. Niemand wird bestreiten, dass Menschen (und natürlich auch Tiere) ein Gedächtnis haben. Dass sich aber auch Gruppen wie Familien oder Nationen ein Gedächtnis machen, halten viele weiterhin für Unsinn. In den Naturwissenschaften entstehen neue Forschungsgebiete durch technologische Innovationen wie z.B. bildgebende Verfahren, im Falle des ‚kollektiven Gedächtnisses‘ bedurfte es nur einer anderen Brille, um neue Perspektiven zu ermöglichen. Hier spielt wiederum die Biographie eine wichtige Rolle. Wir beide sind kurz vor bzw. kurz nach dem Zweiten Weltkrieg geboren und in der Zeit wirtschaftlichen Aufbruchs mit großen Zukunftsutopien aufgewachsen. Geschichte und Vergangenheit spielten in dieser Gesellschaft keine Rolle. Das Thema Erinnerung ist uns in den 1980er Jahren regelrecht auf die Füße gefallen. In Deutschland hat die Erinnerung an den Holocaust erst seit der Weizsäcker-Rede am 8. Mai 1985 und dem Historikerstreit ein Jahr später konkrete Formen angenommen. Das war für uns eine historische Zäsur, die eine intellektuelle Richtungsänderung und geistige Neuorientierung notwendig machte.
Unsere gemeinsame Arbeit am Konzept des kulturellen Gedächtnisses steht auf dem Boden dessen, was heute in verschiedenen Sprachen ‚Erinnerungskultur‘ genannt wird. Diese Erinnerungskultur kommt nicht ohne kritische Geschichtsschreibung aus und versteht sich – um mit Johan Huizinga zu sprechen – als „die geistige Form, in der eine Gesellschaft sich Rechenschaft von ihrer Vergangenheit ablegt“. Bislang war das nationale Gedächtnis ausschließlich auf Stolz gegründet und diente vordringlich zur politischen Selbstermächtigung. Deshalb war es auch so selektiv. In Paris zum Beispiel gibt es Metrostationen mit den Siegen Napoleons, aber keine mit dem Namen Waterloo; diese Station finden wir dagegen in London. Die neue Erinnerungskultur, die an den Menschenrechten orientiert ist, verdankt sich vor allem zivilgesellschaftlichen Initiativen. Als ein Beispiel nenne ich den Künstler Gunter Demnig, der seit 1996 mehr als 60.000 Stolpersteine in 20 Ländern verlegt hat, die die Namen ermordeter jüdischer Nachbarn ins Gedächtnis der heutigen Bewohner zurückholt.
Wer sich auf Fragen des Gedächtnisses einlässt, findet sich selbst immer schon in Erinnerungen verstrickt, denn alle durchqueren uns: persönliche und gesellschaftliche, nationale und kulturelle. Das Thema kollektives Gedächtnis ist komplex und brisant, weil es sich permanent in der Zeit verschiebt und mit starken Emotionen befrachtet ist. Sein großes Potential liegt darin, dass es in viele Disziplinen hineinreicht. Dafür bedarf es aber einer fortgesetzten Begriffsarbeit, zu der wir einige Unterscheidungen beigetragen haben wie ‚kommunikatives und kulturelles Gedächtnis‘, ‚Funktions- und Speichergedächtnis‘,
‚Schluss-Strich und Trennungs-Strich‘, und ‚dialogisches Erinnern‘. Mit dem Projekt, zu dem uns die Balzan Stiftung ermutigt und ermächtigt, wollen wir dieses Potential weiterentwickeln: „Transnationale Erinnerungsorte/Transnational Sites of Memory“.


Jan Assmann

Hochverehrte Frau Bundespräsidentin,
sehr geehrte Mitglieder der Balzan Stiftung,
sehr geehrte Damen und Herren!

Der Balzan Preis liegt in jenen Regionen höchster Anerkennung, zu denen man wohl bewundernd aufschauen, die man aber nicht erklettern kann. Wem er dennoch zuteil wird, den ergreift ein Gefühl der Unfassbarkeit, das sich erst allmählich in große Freude und Dankbarkeit verwandelt. Eine besondere Freude ist für uns, dass diese hohe Auszeichnung uns als Ehepaar gilt. Alle Forscher stehen auf den Schultern von Riesen, aber wir haben darüber hinaus einander ständig aufgeholfen. So sind wir gemeinsam weiter gekommen, als jeder allein hätte kommen können. Aleida lebt mit ihrer Forschung in der aktuellsten Gegenwart, ich in der fernstmöglichen Vergangenheit und mit dem kollektiven Gedächtnis haben wir uns ein Terrain gemeinsamer Forschung teils ge-, teils erfunden, das uns mit vielen weiteren Fächern in Verbindung gebracht hat und dem Sie nun das Gütesiegel eines preiswürdigen Fachgebiets aufgeprägt haben.
Lassen Sie mich kurz andeuten, was das für die Ägyptologie bedeutet. Jede Kultur steht im Dialog mit ihrer Vergangenheit. Das ist in Europa besonders ausgeprägt, denn wir blicken zurück nicht nur auf ein Altertum, das „klassisch“ heißt, weil es immer als zeitlos maßgeblich angesehen wurde, sondern auch auf die biblische Welt mit ihrem Kanon heiliger Schriften, die ebenfalls, aber in ganz anderer Weise als maßgeblich gilt. Ein dreitausendjähriger Gedächtnishorizont ist für Schriftkulturen typisch. Das Besondere aber ist nicht nur diese doppelte Wurzel, sondern dass sowohl Griechenland als auch Israel ihrerseits zurückblicken auf eine Vergangenheit, die ihnen noch einmal um 3000 Jahre vorausliegt: das Alte Ägypten. Israel ist aus Ägypten ausgezogen und Griechenland hat umgekehrt Ägypten aufs Intensivste bereist und erforscht. Für die Griechen war diese Begegnung eine Zeitreise in die Steinzeit. Denn die Ägypter haben es verstanden, ihre Formensprache so stillzustellen und vor Veränderung zu bewahren, dass diese Kultur sich selbst bis in fernste Fernen durchsichtig und lesbar blieb. An diesem Befund springt einem das Phänomen des kulturellen Gedächtnisses geradezu ins Auge. Hier zeigt sich, wie viele unausgesetzte Anstrengungen nötig sind, um diese diachrone Transparenz, diesen Dialog mit der Vergangenheit aufrechtzuerhalten. Das ist kein dumpfes Beharren, wie Max Weber meinte, keine Unfähigkeit, die Eierschalen der frühesten Anfänge abzuwerfen, wie die ältere Ägyptologie urteilte, sondern das Ergebnis bewundernswerter Vorkehrungen kultureller Nachhaltigkeit.
In unser Konzept des ‚kulturellen Gedächtnisses‘ sind drei für uns wichtige Einsichten eingegangen. Erstens habe ich in meinem Buch Das kulturelle Gedächtnis Ägypten mit Israel, Mesopotamien und Griechenland in eine Konstellation gebracht und gezeigt, dass Kulturen keine abgeschlossenen Einheiten bilden, sondern ineinandergreifen und aufeinander reagieren. In diesem Sinne erweist sich das kulturelle Gedächtnis Europas als eine spannungsvolle Beziehungsgeschichte, die niemals stillzustellen ist. Zweitens: Als wir vor 40 Jahren mit unserer gemeinsamen Arbeit begannen, spielte der Gegensatz zwischen ‚fortgeschrittenen‘ Schriftkulturen und ‚geschichtslosen‘ Gedächtniskulturen noch eine große Rolle. Vor diesem Hintergrund haben wir das Konzept des kulturellen Gedächtnisses als einen Oberbegriff für die Stabilisierung der Überlieferung entwickelt, die sowohl durch Schrift als auch durch Mündlichkeit und Riten erreicht werden kann. Wir wollten zu kultur- wissenschaftlichen Grundbegriffen vorstoßen, die wir gerade auch aus dem Studium archaischer, schriftloser und außereuropäischer Kulturen entwickelt haben. Wir haben deshalb systematisch Musik, Bilder, Riten, Orte und Landschaften als gleichwertige Medien des kulturellen Gedächtnisses einbezogen.
Drittens kam es uns von Anfang an darauf an, den damals noch selbstverständlichen eurozentrischen Horizont zu durchbrechen, unsere Untersuchung auf außereuropäische Kulturen auszudehnen und deren spezifische Verfasstheiten zu vergleichen. Nun gibt uns der Balzan Preis die Möglichkeit, ja den Auftrag, auf diesem Weg mit Jüngeren zusammen noch ein gutes Stück weiterzugehen. Dafür sind wir der Stiftung und der Jury sehr dankbar.
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