Aleida und Jan Assmann
Deutschland
Balzan Preis 2017 für Kollektives Gedächtnis
Für die gemeinsame, inter- und transdisziplinäre Erarbeitung des Konzepts „kulturelles Gedächtnis“ und seine definitorischen Klärungen als kulturwissenschaftliches Paradigma, aber auch in öffentlichen Debatten; für den reichen jahrzehntelangen Austausch über sehr unterschiedliche historische Realitäten und Modelle, die sich in völlig außergewöhnlicher Weise als komplementär erwiesen; für zwei darüber hinausreichende individuelle Oeuvres, die das kollektive Gedächtnis als Voraussetzung von religiösen und politischen Identitätsstiftungen und Gemeinschaften präsentieren.
Aleida Assmann wurde am 22. März 1947 in Bethel/Bielefeld geboren, studierte Anglistik und Ägyptologie und wurde 1992 an der Universität Heidelberg habilitiert. Ab 1993 bis zu ihrer Emeritierung 2014 hatte sie den Lehrstuhl für Anglistik und Allgemeine Literaturwissenschaft an der Universität Konstanz inne. Gastprofessuren führten sie u.a. an die Universitäten von Princeton, Yale und von Wien, zudem ist sie Mitglied oder korrespondierendes Mitglied der Berlin-Brandenburgischen Akademie der Wissenschaften, der Akademie der Wissenschaften zu Göttingen, der Österreichischen Akademie der Wissenschaften und der Deutschen Akademie der Naturforscher Leopoldina. Sie hat verschiedene Wissenschaftspreise erhalten, zum Teil gemeinsam mit ihrem Ehemann, und ist Ehrendoktorin der Universität Oslo.

Ihr Ehemann Jan Assmann, am 7. Juli 1938 in Langesheim geboren, studierte Ägyptologie, Klassische Archäologie und Gräzistik und wurde 1971 an der Universität Heidelberg habilitiert, wo er ab 1972 bis zu seiner Emeritierung 2003 den Lehrstuhl für Ägyptologie innehatte. Er lehrte als Gastprofessor in Paris, Yale und in Jerusalem und hat seit 2005 eine Honorarprofessur für allgemeine Kulturwissenschaft und Religionstheorie an der Universität Konstanz inne. Jan Assmann ist Mitglied der Heidelberger Akademie der Wissenschaften, der Academia Scientiarum et Artium Europaea, korrespondierendes Mitglied der Accademia delle Scienze di Torino und Ehrenmitglied der Akademie gemeinnütziger Wissenschaften in Erfurt. Er hat verschiedene Wissenschaftspreise er- halten, zum Teil gemeinsam mit seiner Ehefrau, und ist Ehrendoktor der Universitäten Münster, Yale und der Hebrew University Jerusalem.

Aleida und Jan Assmann haben neben ihren jeweils disziplinären Fachpublikationen im jahrzehntelangen engen Austausch ein gemeinsames Lebenswerk vorgelegt, das unter dem Titel „kulturelles Gedächtnis“ weit über ihre eigenen Fächer hinaus ein neues Paradigma geworden ist und in viele Länder gewirkt hat. Während beide ihre zahlreichen Monographien selbständig geschrieben haben, liegen einige gemeinsam verfasste Aufsätze vor, vor allem im Rahmen der von ihnen angeregten regelmäßigen Treffen und Sammelbände des interdisziplinären Arbeitskreises „Archäologie der literarischen Kommunikation“, der die schriftlichen Überlieferungen als wichtigstes Instrument anthropologischer Selbsterkundung versteht und nutzt. In beider Oeuvre ist die gegenseitige Inspiration immer wieder zu spüren, in Verweisen greifbar und wechselseitig erhellend. Beiden gemeinsam ist auch eine unwahrscheinlich breite Belesenheit weit über ihre Fachgrenzen hinaus, die von den ersten Zeugnissen der Hochkulturen bis zu neuesten theoretischen Ansätzen reicht und die Leser in ihren präzisen und gut verständlichen Texten immer wieder überrascht und erleuchtet. Ein besonderes Augenmerk gilt den Medien und der Materialität der Überlieferung, so Bauwerken, Kunstwerken, der Musik oder Filmen.
Bahnbrechend war Jan Assmanns Studie Das kulturelle Gedächtnis. Schrift, Erinnerung und politische Identität in frühen Hochkulturen (C.H. Beck, München 1992), die vielfach neu aufgelegt und übersetzt wurde und der beste Beweis dafür ist, wie ein vermeintliches Orchideenfach einen kulturwissenschaftlichen Paradigmenwechsel veranlassen kann. Jan Assmann war der erste, der ältere Überlegungen namentlich von Maurice Halbwachs, aber auch etwa von Sigmund Freud mit dem aus wissenschaftlichen wie gesellschaftlichen Gründen neu erwachten Interesse an Erinnerungsformen kombinierte und mit dem neuen Begriff des kulturellen Gedächtnisses eine klar systematisierte Theorie der Stiftung von Zusammengehörigkeit vorführte. Sie erklärt, wie die in verschiedenen Medien (Bauwerke, Schrift etc.) überlieferten Zeugnisse der Vergangenheit durch Verfahren wie Ritualisierung, Kanonisierung und Kommentierung Sinn und darüber kollektive Identität, nämlich „reflexiv gewordene gesellschaftliche Zugehörigkeit“ stiften. In stupenden Fallstudien zur Ethnogenese führte er vor, wie sich auf diese Art in Ägypten die politische Ordnung konstituierte, in Israel die religiöse Gemeinschaft, in Mesopotamien das im Recht begründete historische Bewusstsein und in Griechenland die intertextuelle Gemeinschaft der Wissenschaftler.
Unter anderem mit ihrem vielfach aufgelegten und übersetzten Werk Erinnerungsräume. Formen und Wandlungen des kulturellen Gedächtnisses (C.H. Beck, München 1999) leistete Aleida Assmann eine grundlegende Klärung, wie das Konzept von anderen Formen nicht nur des individuellen Erinnerns abzugrenzen und wissenschaftlich gewinnbringend zu verwenden ist. So differenziert sie das kulturelle vom sozialen Gedächtnis einer Generation oder vom kommunikativen Gedächtnis der miteinander Lebenden und unterscheidet weiter Speicher- und Funktionsgedächtnis – das erste gleichsam als Potential erhaltener, aber oft vergessener Überlieferungen, Letzteres als jeweilige bewusste Aktualisierung für kollektive Sinnstiftungen und damit auch für Zukunftsentwürfe. Im Unterschied zu fast allen Arbeiten über kollektive Gedächtnisse übergeht Aleida Assmann auch das komplementäre Phänomen des Vergessens nicht (Formen des Vergessens. Wallstein, Göttingen 2016). In der Studie Der lange Schatten der Vergangenheit. Erinnerungskultur und Geschichtspolitik (C.H. Beck, München 2006) reflektiert sie nicht zuletzt die Tatsache, dass die „ethische Wende“ der Erinnerungskultur ganz entscheidend auf die historiographische und vor allem vergangenheitspolitische Beschäftigung mit dem Holocaust zurückgeht. Vor diesem Hintergrund hat sie mit abgewogenem Urteilssinn in öffentlichen Debatten mitgewirkt und für ein „dialogisches Erinnern“ namentlich bei Gedenkveranstaltungen plädiert.
Ebenfalls tagesaktuelle Bedeutung haben Jan Assmanns Überlegungen zur Ausbildung religiöser Gemeinschaften, namentlich Moses der Ägypter. Entzifferung einer Gedächtnisspur (Hanser, München 1998), Die Mosaische Unterscheidung oder der Preis des Monotheismus (Hanser, München 2003) sowie Exodus. Die Revolution der Alten Welt (C.H. Beck, München 2015). Über die abendländische Gedächtnisgeschichte erkundete er die Genese des Monotheismus und seine unvermeidlich gewaltsamen Implikationen. Ebenso wie Aleida prägt Jan Assmann so dezidiert, aber ohne Effekthascherei mit grundlegenden wissenschaftlichen Beobachtungen die öffentliche Meinung über die theoretischen Debatten hinaus, die sie auf die wissenschaftliche Agenda gesetzt haben.
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