Anthony Grafton
USA
Balzan Preis 2002 für Geschichte der Geisteswissenschaften
Für seine herausragenden Arbeiten zur Geschichte der Geisteswissenschaften, insbesondere zur Entwicklung der humanistischen Studien in der europäischen Geistesgeschichte seit der Renaissance, bei denen er auch die Ausgestaltung der philologischen Praxis, Technik und Methode sowie ihre Bedeutung für die Entwicklung der modernen Naturwissenschaften berücksichtigt.

Anthony Grafton ist ein herausragender, brillanter Historiker der neuzeitlichen Geistesgeschichte Europas. Ausgangspunkt seiner Arbeiten sind Forschungen über die humanistischen Studien der Spätrenaissance. In zwei grundlegenden Werken (Joseph Scaliger. A Study in the History of Classical Scholarship I. Textual Criticism and Exegesis, Oxford 1983; Joseph Scaliger. A Study in the History of Classical Scholarship II. Historical Chronology, Oxford 1993) stellte er einen der grössten humanistischen Gelehrten jener Zeit als umfassend gebildeten, innovativen Herausgeber und Exegeten lateinischer Texte vor. Dabei vertiefte sich Grafton in die Welt des späten Humanismus und gewann eine geradezu enzyklopädische Vertrautheit mit den Publikationen unzähliger Humanisten wie auch mit den von ihnen bewunderten antiken Texten. So konnte er eine Biographie verfassen, die sich nicht auf die Hauptfigur Scaliger beschränkt, sondern auch das Netzwerk zeitgenössischer Gelehrter und deren vielseitige Tätigkeiten umfasst. Grafton zeigt einerseits, wie und aus welchen Gründen Scaliger die ursprüngliche Fassung klassischer Texte wiederherstellte, wer und was ihn dabei inspirierte. Andererseits untersucht er im zweiten Band, der Scaligers Verdiensten um die geschichtliche Chronologie gewidmet ist, Datierungen und Kalender der alten und neueren Geschichte. Dies ist ein Fach der Altertumswissenschaften, das wegen seiner technischen Komplexität heute kaum gepflegt wird. Grafton gelingt es, die durch Kontroversen zusätzlich komplizierte Renaissancedebatte über chronologische Fragestellungen, beispielsweise über Datierung und Natur der verschiedenen biblischen Texte, verständlich und Scaligers Pionierleistung auf diesem Gebiet dem Leser deutlich zu machen. Grafton enthält sich jeder anachronistischen oder geschichtsphilosophischen Wertung der von ihm untersuchten Phänomene des geschichtlichen Wandels.

Da die kulturelle Überlieferung für ihn ein schöpferischer, sinnhafter Prozess ist, bemüht er sich, den geistigen Hintergrund der von ihm untersuchten Gelehrten zusammenhängend und vollständig zu beschreiben und zu analysieren. Diese Haltung veranlasste ihn, sich mit verschiedenen anderen Aspekten der Renaissancekultur zu beschäftigen, insbesondere mit der Geschichte der Naturwissenschaften, der Buch- und Lesergeschichte, um sie zur Gesamtsicht einer Zeit zu verbinden, in der Geistes- und Naturwissenschaften noch vereint waren. Seine Biographien von Girolamo Cardano und Leon Battisti Alberti sind dafür ein Zeugnis (Cardano's Cosmos. The Worlds and Works of a Renaissance Astrologer, 1999 [deutsche Übersetzung: Cardanos Kosmos. Die Welten und Werke eines Renaissance-Astrologen, 1999]; Leon Battista Alberti. Master Builder of the Italian Renaissance, 2000 [deutsche Übersetzung: Leon Battista Alberti. Baumeister der Renaissance, 2002]). Sein unermüdliches Interesse für die Geschichte der Textüberlieferung liegt seinem Defenders of the Text. The Traditions of Scholarship in an Age of Science, 1450-1800 (1991) zugrunde. Es ist die scharfsinnige Untersuchung einer wissenschaftlichen Disziplin, in der seit dem Altertum gelehrte Meinungen mit dem aufkeimenden wissenschaftlichen Empirismus wetteiferten. Die etwas unbeschwertere Seite seiner tiefgründigen Gelehrsamkeit kommt in den Werken Forgers and Critics. Creativity and Duplicity in Western Scholarship, 1990 [deutsche Übersetzung: Fälscher und Kritiker. Der Betrug in der Wissenschaft, 1991] und The Footnote. A curious history, 1997 [deutsche Übersetzung: Die tragischen Ursprünge der deutschen Fussnote, 1995] zum Ausdruck. Im ersten untersucht Grafton das Verhältnis von Fälschung und Gelehrsamkeit, wobei er es wagt, die Fälschung als "kriminelle Schwester" gelehrter Kritik herauszuarbeiten. Im zweiten Werk stellt Grafton die merkwürdige Geschichte der Fussnoten historischer Texte vor; eine hochgelehrte Untersuchung dieses wissenschaftlichen Apparates und zugleich dessen geistreiche Verteidigung.

Die Entwicklung gewisser Praktiken und Techniken im Laufe der Jahrhunderte - handle es sich dabei um Textüberlieferungen und Exegese oder um Fälschungen, Kritiken und Fussnoten sowie deren Auswirkung auf die Geistesgeschichte - nehmen einen besonderen Platz im Werk Graftons ein. Vielen Publikationen Graftons liegt bislang unveröffentlichtes Material zugrunde, das er meisterhaft interpretiert. Seine wissenschaftliche Neugier und sein unwiderstehlicher Sinn für Humor - die ihm geholfen haben, zahlreiche Fälle allzu menschlicher Torheit seriöser Gelehrter aufzudecken - spiegeln sich in seinem klaren, verständlichen Stil. Obgleich er in gewissem Sinne ein Forscher anderer Forscher ist, richtet sich Grafton auch an ein breiteres Publikum. Davon zeugen seine beachtlichen Beiträge zur Organisation von zwei wichtigen Ausstellungen: New Worlds, Ancient Texts. The Power of Tradition and the Shock of Recovery (1992) und Rome Reborn: The Vatican Library and Renaissance Culture (1993). Seine vielfältigen Arbeiten zur Geschichte der humanistischen Studien seit der Renaissance sind für die Geschichte der Geisteswissenschaften im weitesten Sinne von ausserordentlicher Bedeutung.
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