Carlo Ginzburg
Italien
Balzan Preis 2010 für Geschichte Europas (1400-1700)
Für seine ausserordentliche Fähigkeit, Einbildungskraft, wissenschaftliche Genauigkeit und literarisches Talent zu verbinden, um die Volksglauben des frühneuzeitlichen Europas zu erklären und zu veranschaulichen.
Carlo Ginzburg, Professor an der Scuola Normale Superiore in Pisa, ist einer der originellsten und einflussreichsten Historiker unserer Zeit. In seiner wissenschaftlichen Arbeit befasste er sich mit sehr unterschiedlichen Themen. Auch hat er sich grundsätzlich mit Fragen zur historischen Methode auseinander gesetzt. Seine wichtigsten Beiträge verfasste er aber als Historiker des frühneuzeitlichen Europa.
Professor Ginzburgs Oeuvre ist eindrucksvoll in seiner Vielfalt. Es umfasst sechs bedeutende Werke zur frühneuzeitlichen europäischen Kultur-, Sozial und Geistesgeschichte. Doch seine wissenschaftliche Arbeit weist zugleich eine ausserordentliche Kohärenz von Thematik und Methode auf. Ein Thema, das ihn immer wieder interessierte, ist die Erklärung und das Verständnis von Hexenglauben und Hexenkult. Dieses Interesse zeigt sich erstmals in I benandanti (1966; Die Benandanti: Feldkulte und Hexenwesen im 16. und 17. Jahrhundert, 1980), und wird abermals in Storia notturna (1989; Hexensabbat: Entzifferung einer nächtlichen Geschichte, 1990) aufgenommen. Allgemeiner ausgedrückt könnte man sagen, dass er sich stets für die Erhellung von Glauben und Praktiken der kleinen Leute interessierte, deren Leben und Anschauungen sonst im Dunkel geblieben wären. Dieses Engagement liegt auch seinem berühmten Werk, Il formaggio e i vermi (1976; Der Käse und die Würmer, 1979), zugrunde, in dem es ihm gelang, das komplette Weltbild von Menocchio, einem Müller aus dem sechzehnten Jahrhundert aus inquisitorischen Aufzeichnungen zu rekonstruieren. Il formaggio e i vermi wird als bahnbrechendes Werk der Mikrogeschichte und eines der erfolgreichsten und oft kopierten Beispiele dieses Genres angesehen.
In letzter Zeit hat Professor Ginzburg seine Aufmerksamkeit der Hochkultur des frühneuzeitlichen Europa zugewandt. In Indagini su Piero (1981; Erkundungen über Piero, 1981), schrieb er über die Ikonographie von Piero della Francesca, und in No Island is an Island (2000) über vier Momente in der englischen Literatur, die zeigen, dass die Auslegung eines klassischen Textes wie der Utopia von Thomas Morus das Verständnis seines internationalen Kontexts fördert. Gleichzeitig stellt Professor Ginzburg weiterhin der Kultur der Elite der frühen Neuzeit die alltägliche Weltsicht entgegen, auf die er sich ursprünglich konzentriert hatte. Darüber hinaus verbindet seine Werke die Darstellung der Wechselbeziehungen zwischen Elite- und Volkskultur.
Professor Ginzburg ist nicht nur ein äusserst ideenreicher und produktiver Historiker, sondern nicht minder ein äusserst einflussreicher methodischer Erneuerer. Er schrieb über die Natur geschichtlicher Evidenz in Miti emblemi spie (1986), und über das Konzept der historischen Beweisführung in History, Rhetoric and Proof (1999; Wahrheit der Geschichte. Rhetorik und Beweise, 2001). In seinen geschichtlichen Darstellungen dachte er auch über die Art und Weise seines eigenen Vorgehens nach und hob vor allem hervor, wie wichtig die Verknüpfungen zwischen Sozialanthropologie und Kulturgeschichte sind.
Die Wirkung Professor Ginzburgs wissenschaftlicher Tätigkeit war und ist enorm. Sein Buch über Menocchio, das überall als Klassiker anerkannt wird, wurde in 23 Sprachen übersetzt, sein Buch über Mythen und geschichtliche Spuren fast eben so oft. Die intellektuelle Kraft und Leidenschaft Professor Ginzburgs sind ungebrochen, und sicherlich können wir auf weitere Werke hoffen, aber bereits jetzt sind seine Leistungen so bedeutend, dass er nicht nur ein würdiger, sondern ein hervorragender Träger des Balzan Preises ist.
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