Colin Renfrew
Grossbritannien
Balzan Preis 2004 für Prähistorische Archäologie
Andrew Colin Renfrew, Lord Renfrew of Kaimsthorn, gehört zu den bedeutenden Vertretern der prozessualen Methode, die er innovativ weiterentwickelt hat; er ist der Verfasser zahlreicher herausragender Werke von grosser Interpretationsschärfe und bahnbrechender Kraft über zentrale Themen der Vor- und Frühgeschichte Europas und der aussereuropäischen Welt. Dank seines ausserordentlichen Gedankenreichtums und seiner ausgewogenen kritischen Haltung war und ist sein Einfluss in der westlichen Archäologie ohnegleichen. Ebenso verfügt er über eine ungewöhnliche Fähigkeit, Forschungsprojekte zu organisieren und deren theoretische wie ethische Probleme zur Diskussion zu stellen.

Colin Renfrew, geboren in England, studierte in Cambridge und ist Professor für Archäologie sowie Gründungsdirektor des Instituts McDonald für archäologische Forschungen an der Universität Cambridge, seit 1981 Mitglied der British Academy sowie anderer europäischer Akademien. Seit 1991 gehört er als Lord dem Oberhaus an. Seine wissenschaftlichen Leistungen wurden durch Ehrendoktorate der Universitäten Sheffield, Athen, Southampton, Edinburg und Liverpool, sowie durch internationale Preise, darunter der Latsis-Preis der European Science Foundation geehrt. Grabungen führte er ausser in Grossbritannien vor allem in Griechenland, von Saliagos bis Sitagroi, Phylakopi, Markiani und Keros durch. Als einer der bedeutendsten Archäologen zeichnet er sich in seinen Forschungen durch zwei aussergewöhnliche Leistungen aus: Zum einen übt er mit seinen theoretischen Arbeiten und deren glänzenden praktischen Anwendungen einen unvergleichlich nachhaltigen Einfluss auf die Archäologie in Grossbritannien, Europa und der ganzen Welt aus. Zum andern beschränkt sich seine den Anforderungen des Fachs angemessene Kritikfähigkeit und seine hochentwickelte Sensibilität nicht auf ein geographisch oder historisch begrenztes Teilgebiet der Archäologie, sondern ist offen für eine universalistische Ausrichtung. Er war der prominenteste Vorkämpfer der britischen so genannten “Neuen Archäologie”, die heute gewöhnlich “prozessuale Methode” genannt wird. Sein wissenschaftliches Œuvre ist sehr reich an Standardwerken. Sie enthalten zu weiten, immer mit grosser Sorgfalt behandelten Themen besonders scharfsinnige und gewissenhaft erarbeitete Untersuchungen, die in systematischer Form auf der Grundlage einer ausgewogenen Kritik der bisherigen Arbeiten eine erschöpfende Darlegung der angewandten methodologischen Kriterien und eine Erörterung zukünftiger Forschungswege präsentieren.

Unter seinen Werken sind zu erwähnen: The Emergence of Civilisation. The Cyclades and the Aegean in the Third Millennium B.C. (1972); Before Civilisation: The Radiocarbon Revolution and Prehistoric Europe (1973: ins Französische, Italienische, Japanische, Spanische übersetzt); Problems in European Prehistory (1979); Approaches to Social Archaeology (1984); Archaeology and Language. The Puzzle of Indo-European Origins (1987: ins Französische, Italienische, Japanische, Norwegische, Schwedische, Spanische übersetzt); Archaeology. Theories, Methods, and Practice (mit P. Bahn: 1991, ins Griechische, Italienische, Polnische, Spanische übersetzt); The Roots of Ethnicity: Archaeology, Genetics and the Origins of Europe (1993); Loot, Legitimacy and Ownership: The Ethical Crisis of Archaeology (2000), bis zum neuesten Figuring it out: The Parallel Visions of Artists and Archaeologists (2003). Seine Beiträge zur Erneuerung der europäischen und abendländischen Archäologie schlechthin sind einzigartig und streng wissenschaftlich, ohne die Übertreibungen ähnlicher amerikanischer Tendenzen. Dank seiner stupenden Geisteskraft, seinem hohen Wertmassstab und seinem grossen fachlichen Einfluss hat Colin Renfrew seit seinen vorbildlichen Untersuchungen der Zykladenkultur des dritten vorchristlichen Jahrtausends in den Siebziger Jahren erfolgreich die Theorie der Systeme angewandt. In seinen zahlreichen Untersuchungen zu dem immer im sozialen Zusammenhang gesehenen kulturellen Wandel entwickelte er besonders überzeugend das interpretatorisch-erklärende Paradigma im Gegensatz zur traditionellen klassifizierenden Methode. Sehr wirksam waren auch seine scharfsinnigen chronologischen Untersuchungen. Ebenfalls in den Siebziger Jahren konnte er wesentliche Aspekte und Perioden der europäischen Vorgeschichte, vor allem des Bronzezeitalters, mit Hilfe der Radiokarbonmethode neu datieren. Aspekte und Perioden betrachtete er nicht mehr nur als Produkte der Nachahmung oder des Einflusses der grossen antiken altorientalischen Stadtkulturen, wie es bis dahin der Fall gewesen war. In den Achtziger Jahren verfolgte er nicht nur mit grossem kritischen Einfühlungsvermögen die neuen innovativen Tendenzen der archäologischen Theorie, sondern bereicherte sie auch mit eigenen, vor allem auf die soziale und kognitive Archäologie ausgerichteten Beiträgen. Gleichzeitig erschien sein Meisterwerk über das Problem der indoeuropäischen Ursprünge mit einem von ihm erarbeiteten Zusammenhang über die einzelnen Perioden der wirtschaftlichen Entwicklung, der technologischen Erfindungen, der gesellschaftlichen Strukturen und der demographischen Prozesse.

Das Buch eröffnete eine Diskussion über ein besonders faszinierendes Thema, indem er darin im Gegensatz zur allgemein verbreiteten Meinung das Kerngebiet der Indoeuropäer in Ostanatolien lokalisierte und mit der neusteinzeitlichen Landwirtschaft und Sesshaftigkeit in Zusammenhang brachte. Mit der Einführung einer neuen Beziehung zwischen Linguistik und Archäologie schlug Colin Renfrew revolutionäre Elemente im Ansatz und in der Lösungsmöglichkeit der indoeuropäischen Frage vor. Sein neuestes, für einen Archäologen eher ungewöhnliches Werk‚ Figuring it out, zeigt mit grossem Feingefühl, dass moderne Künstler ähnlich arbeiten wie die Archäologen, und eröffnet damit einen Horizont unerwarteter Überlegungen und Aussichten. Seinem Grundthema der Beziehung zwischen Archäologie und exakten Wissenschaften, das sein ganzes Werk von seinen ersten Untersuchungen über den Ossidian in Anatolien durchzieht, hat Colin Renfrew auch organisatorisch mit der Gründung eines Labors für genetische Forschung im McDonald-Institut eine feste institutionelle Grundlage gegeben. Das Institut hat wichtige prähistorische und historische Forschungen ermöglicht, beispielsweise über die Fauna des Pazifik und die genetische Vorgeschichte der Zähmung des Pferdes. Die inhaltliche Integration von Archäologie, Paläoklimatologie und Genetik ist die Grundlage der unter seiner Verantwortung durchgeführten Forschungen.

Gemeinsam mit P. Bahn verfasste er ein weitverbreitetes Handbuch über die Archäologie als globale Disziplin. Es belegt sein offenes und universelles Verständnis der Archäologie, das ihn auszeichnet und das sich in neuester Zeit in seinem starken Einsatz, auch auf politischer Ebene, im Kampf gegen die Plünderung und kommerzielle Ausbeutung der archäologischen Fundstätten konkretisiert. Er hat dafür ein Zentrum gegründet, das sich vor allem der Rettung des kulturellen Erbes der Menschheit widmet und einen grossen Druck auf die britische Regierung zur Unterzeichnung der unesco-Konvention von 1970 ausübte. Neben seiner Haupttätigkeit als unermüdlicher und anregender Protagonist der Theoriedebatte über die Archäologie, ihre Aufgabe und ihre Methoden, hat sich sein Forschungsinteresse in letzter Zeit auch den früh- und vorgeschichtlichen Perspektiven und Traditionen der grossen aussereuropäischen Kulturen, wie derjenigen Chinas und Indiens, zugewandt.
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