Joel Mokyr
USA/Israel
Balzan Preis 2015 für Wirtschaftsgeschichte
Für die wegweisende Verbindung von Wirtschaftswissenschaften und Geschichte mit Evolutions- und Erkenntnistheorie sowie der Entwicklung des Wissens und der Technologie; für einen neuen, komparativen Blick auf die wirtschaftliche Entwicklung im Westen und besonders auf die Industrialisierung; für die Vielfalt von Themen, Aspekten und Methoden, die von der Cliometrie der New Economic History zu der qualitativen Interpretation wegweisender Texte reicht und monokausale Erklärungen vermeidet.

Joel Mokyr, geboren in Leiden, Niederlande, unterrichtete nach Studien in Jerusalem und Yale seit 1974 an der Northwestern University, wo er 1980 Professor wurde und seit 1984 Robert H. Strotz Professor of Arts and Sciences and Professor of Economics and History ist. Gastprofessuren führten Mokyr an die Universitäten von Stanford, Chicago, Harvard, Dublin (University College), Jerusalem (Hebräische Universität), Tel Aviv und Manchester. Seit 2001 ist er Sackler Professorial Fellow an der Universität Tel Aviv.
Mokyrs erste Arbeiten galten der vergleichsweise späten Industrialisierung in den Niederlanden und den irischen Hungersnöten in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts. Er profilierte sich umgehend als Exponent der interdisziplinären New Economic History, die ökonomische Theorie mit computergestützter Datenauswertung (Cliometrics) in die Geschichte einbrachte. Die Problematik der Industrialisierung ließ Mokyr vor allem am britischen Beispiel verschiedene Theorien untersuchen, woraus er einen für die internationale Forschung wegweisenden Ansatz entwickelte. Im preisgekrönten und vielfach übersetzten Buch The Lever of Riches: Technological Creativity and Economic Progress (Oxford University Press, 1990) verwendete er Ansätze der Evolutions- und Erkenntnislehre, um die Bedeutung des technologischen Fortschritts herauszuarbeiten. Insbesondere in umbruchartigen Makroerfindungen erkannte er die Voraussetzung für nachhaltiges modernes Wirtschaftswachstum.

The Gifts of Athena: Historical Origins of the Knowledge Economy
(Princeton University Press, 2002) erweiterte diese Deutung durch die Gegenüberstellung von propositionalem und präskriptivem Wissen als Voraussetzung für eine ökonomische Theorie, die nach der Erzeugung oder Behinderung von nützlichem Wissen fragt. Grundlegend dafür war bereits die kompetitive Respublica litteraria der europäischen Frühen Neuzeit. Folgerichtig maß Mokyr in Enlightened Economy: An Economic History of Britain 1750-1850 (Yale University Press 2009) der Aufklärung die entscheidende Rolle als Wegbereiterin der industriellen Revolution zu, ohne darüber die britischen Institutionen wie das Parlament zu vernachlässigen, denen es gelang, die erheblichen strukturkonservativen Widerstände in breiten Bevölkerungskreisen zu überwinden und einer neuen Ideologie, der politischen Ökonomie, zum Durchbruch zu verhelfen, die sich auf das anwendbare Wissen einer gut ausgebildeten Bevölkerung stützen konnte.

Die wirtschaftsgeschichtlich-quantifizierende Grundlagenarbeit, ihre interdisziplinären Erweiterungen und die umfassenden Synthesen haben Mokyr weit über die akademischen Fachgrenzen hinweg wirken lassen, mit Artikeln und öffentlichen Auftritten auch unter politischen Entscheidungsträgern. Sein wissenschaftliches Werk hat ihm unter anderem die Zuerkennung des Heineken-Preises für Geschichte eingetragen (2006), außerdem die Mitgliedschaft in der American Academy of Arts and Sciences und, als korrespondierendes Mitglied, der Königlich Niederländischen Akademie der Wissenschaften und der Accademia Nazionale dei Lincei in Rom. Neben bedeutenden Veröffentlichungen gehört auch das Präsidium der Economic History Association zu seinen Verdiensten um die breite Verankerung einer interdisziplinären Wirtschaftsgeschichte, mit der Joel Mokyr eine außerordentliche internationale Wirksamkeit auf seine eigene und folgende Forschergenerationen erlangt hat.
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