Richard Southern
Grossbritannien
Balzan Preis 1987 für Geschichte des Mittelalters
Mediävist von grosser Gelehrsamkeit und Wirkung, der zum besseren Verständnis der Religions- und Geistesgeschichte des europäischen Mittelalters beitrug, indem er das Gedankengut und die Beweggründe einflussreicher Denker und deren Beziehung zu ihrer politischen und sozialen Umwelt lebendig machte.

Der überzeitliche Wert von Sir Richard Southern’s (*1912 - †2001) Beitrag zum Studium des Mittelalters liegt in seiner fundierten Kenntnis und feinfühlenden Auslegung der Sprache, der Formen und Überlieferungen mittelalterlicher Texte und Dokumente jeglicher Art: philosophischer, religiöser, rechtlicher, administrativer und erzählerischer. Texte sind das Werk einzelner Menschen, und Southern’s Interesse galt während seiner ganzen Laufbahn vor allem bedeutenden Persönlichkeiten, welche grossen Einfluss auf die geistigen und religiösen Entwicklungen ihrer Zeiten ausübten. Sein frühes Interesse für St. Anselm’s Briefwechsel gipfelte nicht nur in seiner Veröffentlichung über Eadmer’s Life of Anselm (1962), sondern auch in einer hervorragenden, im Jahre darauf erschienenen Monographie über St. Anselm and his Biographer, welche in hervorragender Weise die drei Eigenschaften von Southern’s Werk beleuchtet.

Eine dieser Eigenschaften ist seine Einsicht, dass Verallgemeinerungen auf einen hohen historischen Ebene abhängig sind von der richtigen Beurteilung der Details auf der Ebene da Textkritik und der Handschriftenkunde: Die Stabilität eines Gebäudes hängt von seinen Fundamenten ab.

Die zweite Eigenschaft ist seine Erkenntnis, dass es bei einem Gebäude mehr gibt als die Fundamente. Seine Fähigkeit der Einfühlung in die von ihm beschriebenen Personen macht nicht nur ihre soziale und materielle Umwelt lebendig, sondern, was schwieriger und zugleich wichtiger ist, auch ihr Innenleben, ihre Werte, Vorurteile und Zweifel. All dies erreicht er ohne jede falsche “Modernisierung” was nicht hilfreicher wäre als die gedankenlose “Entfremdung”; er hilft dem Leser zu verstehen, dass beispielsweise die strenge Logik der Theologie des Mittelalters ein Ergebnis moralischer Leidenschaft in einer von den Extremen der Gewalt und der Frömmigkeit gekennzeichneten Epoche sein könnte.

Aus dieser Fähigkeit ergibt sich die dritte Eigenschaft von Southern’s Werken, nämlich sein Interesse für die Integration religiösen und rechtlichen Denkens in die politische und gesellschaftliche Umwelt und für die gewaltigen Spannungen, welche eine solche Integration hemmten. Die Bestimmungsgründe von Denken und Glauben in Mittelalter, menschliche oder natürliche, differenzierte oder primitive, und deren Interaktionen nehmen in Southern’s Büchern über die Wandlungen und Entwicklungen der abendländischen Einstellungen zum Islam und über die Beziehungen zwischen Kirche und weltlicher Gesellschaft einen hervorragenden Platz ein.

All diese Eigenschaften zogen bereits in einem verhältnismässig frühem Stadium seiner Laufbahn allgemeine Aufmerksamkeit auf sich, nämlich durch sein Buch Making of the Middle Ages (1953), das grossen Einfluss ausübte und in nahezu 30 Sprachen übersetzt worden ist. Die Historiker waren vor allem von der Fähigkeit des Autors beeindruckt, für seine Detailausführungen diejenigen Beispiele auszuwählen, welche Entwicklungen von weitreichender Bedeutung am besten veranschaulichten. Der Massstab, den er gesetzt hat, ist jüngeren Historikern zum Vorbild geworden und sein neuestes Buch über Robert Grosseteste zeigt, dass seine Forschungskraft nicht nachgelassen hat.
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