Jacques Aumont

Frankreich

Balzan Preis 2019 für die Filmwissenschaft

Für seine Rolle bei der Begründung der Filmwissenschaft als universitärer Disziplin. Für seine Leistung bei der Bestimmung des Konzepts der Filmästhetik und insbesondere der filmischen Bildlichkeit. Für seinen Beitrag zur Interpretation der „Sprache“ des Kinos und seiner Geschichte.

   Jacques Aumont (1942) ist einer der weltweit anerkanntesten Begründer der Filmwissenschaft. Seine Forschungen richteten sich auf die Definition von Ästhetik des bewegten Bildes und seine Verbindung zur bildenden Kunst, was im Untertitel eines seiner jüngsten Bücher zum Ausdruck kommt: „Comment le cinéma est devenu le plus singulier des arts“, Paris 2007 (Wie es kam, dass die Kinematographie als eine einzigartige Kunst anerkannt wurde). Dieser historische Ansatz, der viele grundlegende Studien zum Kino, von Sergej Eisenstein bis Jean-Luc Godard, umfasst, wurde von einer innovativen Theoriebildung begleitet. Für Aumont ist der Film eine „figurative Kunst“, die zur Reflexion über das Spezifikum filmischer Gestaltung und ihres Verhältnisses zu Zeit, Raum und Welt auffordert. Aumont suchte in der Geschichte der Malerei nach den Ursprüngen der Macht des Bildes, bevor er seinen eigenen Beitrag zur Bestimmung dieser Macht lieferte, indem er der Metapher eines „spezifisch filmischen Denkens“ Sinn und Bedeutung verlieh. Wie und worüber reflektieren Filme? Wie funktioniert filmische Fiktion im Vergleich zu anderen Formen der Fiktion? Welches Verhältnis besteht zwischen dem Vergnügen des Zuschauers und der Herausforderung, die die Filmvorführung an die Interpretation stellt? All diese Fragen wurden von Aumont in mehreren bahnbrechenden Arbeiten diskutiert, die in zahlreiche Sprachen übersetzt wurden.
   Erwähnt werden muss auch die außerordentliche Qualität seiner Texte, denen es gelingt, wissenschaftliche Strenge mit literarischem Anspruch zu verknüpfen. Dies wird besonders in den Werken augenfällig, die er den prägendsten Filmemachern des 20. Jahrhunderts gewidmet hat: Carl Theodor Dreyer (1993), Jean Luc Godard (1999), Ingmar Bergman (2003) und Carmelo Bene (2010).
   Neben den wissenschaftlichen Publikationen und seiner Lehrtätigkeit darf auch sein Schaffen als Kritiker, in Zeitschriften wie Trafic oder art press, oder als Redakteur der Cinémathèque und Cinéma, die Geschichte, Ästhetik und Kritik zu verbinden suchten, nicht vergessen werden. Als Direktor des Collège d’Histoire de l’Art cinématographique an der Cinémathèque française organisierte er zahlreiche höchst interessante und qualitätsvolle Vortragsreihen, die in der Folge fast alle publiziert wurden. Man denke, nicht zuletzt, an das mittlerweile legendäre Symposium von Cerisy-la-Salle im Jahr 1985 unter dem Titel Nouvelles approches de l’histoire du cinéma (Neue Zugänge zur Filmgeschichte).
   Aumont ist weltweit bekannt: Er wird von Brasilien bis Korea, von England über Spanien, Italien und Portugal bis in den Libanon gelesen und übersetzt. Er verdankt seinen Ruf als „Begründer der Filmwissenschaft“ nicht nur den glücklichen Umständen, unter denen er einen wesentlichen Beitrag zu ihrer Etablierung an Universitäten und Forschungseinrichtungen leisten konnte, sondern auch seinem unbezweifelbaren pädagogischen Eros.