Brenda Milner
Kanada/Grossbritannien
Balzan Preis 2009 für Kognitive Neurowissenschaften
Für ihre pionierhaften Studien über die Rolle des Hippokampus in der Gedächtnisbildung und die Identifizierung verschiedener Formen von Gedächtnis

Brenda Milner ist Mitbegründerin und Pionierin der Kognitiven Neurowissenschaften, einer Disziplin, welche die Erforschung des Gehirns mit dem Verständnis mentaler Prozesse verbindet. Brenda Milner hat die Bedeutung der Rolle eines Teils des Gehirns, des medialen Temporallappens, besonders des Hippokampus und der mit ihm verbundenen Strukturen, in der Bildung des Gedächtnisses nachgewiesen.

Frau Milner machte diese grundlegenden Entdeckungen beim Studium eines Patienten, HM, der 1953 einem gezielten chirurgischen Eingriff unterzogen wurde, um Epilepsie zu therapieren. Bei diesem Eingriff wurden beidseitig der grösste Teil des Hippokampus und die damit verbundenen Strukturen entfernt.

Brenda Milner zeigte, dass die Operation bei HM eine schwere anterograde Amnesie verursacht hatte: Er war nicht mehr fähig, sich an jüngste Ereignisse zu erinnern. Besonders auffallend war bei HM jedoch, dass einige Aspekte seines Gedächtnisses keineswegs unter den Folgen der Operation litten. So blieben beispielsweise das Gedächtnis weit zurückliegender Ereignisse und seine Lernfähigkeit unbeschadet. Diese Ergebnisse haben zusammen mit weiteren Studien gezeigt, dass es beim Menschen, ebenso wie bei vielen Säugetieren, nicht nur eine einzige Art von Gedächtnis gibt. Eine erste Unterscheidung erfolgt zwischen dem Langzeit- und dem Kurzzeitgedächtnis: HM bewahrte die Erinnerung an Ereignisse, die weit in der Vergangenheit zurücklagen, war jedoch unfähig, eine unmittelbare Erinnerung in ein Langzeitgedächtnis zu verwandeln. Eine weitere Unterscheidung besteht zwischen dem Gedächtnis für Ereignisse, Personen und spezifische Orte, bekannt als episodisches Gedächtnis, und demjenigen für motorische Fähigkeiten, wie Fahrrad fahren, dem sogenannten prozeduralen Gedächtnis. HM war imstande sich neue Fähigkeiten anzueignen, auch wenn er sich nicht daran erinnern konnte, sie erlernt zu haben: Der Schaden im Areal des Hippokampus hatte das episodische Gedächtnis beeinträchtigt, nicht jedoch das prozedurale.
Als Ergebnis tausender auf die pionierhafte Arbeit von Frau Milner nachfolgender Studien war es möglich, diese diversen Arten von Gedächtnis genau zu definieren. Darüber hinaus wurde ihre Entdeckung, dass ein ganz bestimmter Teil des Gehirns, die Formation des Hippokampus, eine Schlüsselrolle für das Gedächtnis spielt, niemals widerlegt. Sie hat zu umfangreichen Forschungsarbeiten über die genaue Rolle des Hippokampus und der damit verbundenen Strukturen geführt.

Viele Studien über neurodegenerative Zustände, wie Alzheimer, sind eng mit den Entdeckungen von Brenda Milner verknüpft. Wie HM sind auch Demenzpatienten häufig ausserstande, neue Erinnerungen zu bilden, während sie das Gedächtnis vergangener Ereignisse bewahren. Es wurde auch festgestellt, dass Demenzpatienten degenerative Veränderungen im Hippokampus aufweisen.
Abgesehen von ihrer Arbeit über den Hippokampus und das Gedächtnis hat Brenda Milner zum Verständnis der Rolle anderer Teile des Gehirns bei der Informationsverarbeitung, vor allem der Stirnrinde, einen wichtigen Beitrag geleistet. Ausserdem hat sie die Spezialisierung der rechten und linken Gehirnhemisphären sowie die Auswirkungen spezifischer Läsionen auf die funktionelle Reorganisation der Hemisphären erforscht.
Aufgrund ihrer Pionierarbeit, welche mehr als ein halbes Jahrhundert lang das Gebiet der neurokognitiven Wissenschaften geprägt hat, ist Brenda Milner eine würdige Trägerin des Balzan Preises.
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