Otto Neugebauer
Österreich/USA
Balzan Preis 1986 für Wissenschaftsgeschichte
Für seine grundlegenden Studien auf dem Gebiet der exakten Wissenschaften im Altertum, insbesondere der mesopotamischen, ägyptischen und griechischen Astronomie, mit denen er neue Horizonte zum Verständnis der antiken Wissenschaft sowie deren Auswirkungen auf das klassische Altertum und das Mittelalter eröffnete. Für seine erfolgreichen Bemühungen zur Förderung des Interesses an der Wissenschaftsgeschichte und ihrer Weiterentwicklung durch neue Forschungsansätze
Dank seinen Beiträgen zur Wissenschaftsgeschichte namentlich in den Bereichen der Ägyptologie, der Assyriologie und der Semitistik, gehört Otto Neugebauer (*1899 - †1990) zu den bedeutendsten Wissenschaftern des 20. Jahrhunderts.
Er begann 1926 mit seiner Dissertation über das ägyptische Bruchrechnen, sich mit der altägyptischen Mathematik zu beschäftigen. Bald wandte er aber seine Aufmerksamkeit der babylonischen Mathematik zu, und in der Folge wurde diese dank seinen Bemühungen zum ersten Mal Gegenstand wissenschaftlicher Forschung. Er veröffentlichte 1935- 1937 alle bestehenden mathematischen Keilschrifttexte mir Übersetzungen und ausführlichen Kommentaren. Schon 1934 hatte er über die ägyptische und babylonische Mathematik ein geradezu revolutionäres Werk veröffentlicht, in dem er deren Originalität und Wirkung auf die griechische Mathematik nachwies. Bereits dieses Buch belegt das Anliegen, das seine ganze Laufbahn kennzeichnet: die vielfältigen Einflüsse, welche die Wissenschaften antiker Kulturen aufeinander ausüben zu analysieren und die Ursprünge ihrer Überlieferung zu ergründen.
Das fruchtbarste Gebiet für dieses Forschungsanliegen ist die Astronomie, wo man eine zusammenhängende Tradition von über 2000 Jahren vom alten Mesopotamien bis zur Renaissance Europas verfolgen kann. Seit der Mitte der dreissiger Jahre widmete Neugebauer einen grossen Teil seines wissenschaftlichen Schaffens der Klärung dieser Tradition. Das Gebiet der babylonischen Astronomie war trotz der grossen Bemühungen der Pioniere des 19. und frühen 20. Jahrhunderts ziemlich verworren. Es war Neugebauer, der hier Ordnung schuf, indem er auch hier alle bestehenden mathematisch astronomischen Texte aufarbeitete. Das Ergebnis seiner zwanzigjährigen Arbeit ist ein Werk, das sich nicht in der Sammlung von Texten erschöpft, sondern durch vergleichende Analysen deutlich macht, wieviel die späteren, vor allem die griechischen und indischen Kulturen ihren mesopotamischen Vorläufern zu verdanken haben und welch bemerkenswerte mathematische Fähigkeiten die babylonischen Astronomen besassen.
Zur gleichen Zeit setzte Neugebauer sein Studium der weniger einflussreichen, jedoch umso malerischeren ägyptischen Astronomie fort. Sein Hauptbeitrag bestand hier darin, eine Reibe moderner Mythen über den Ursprung und die Bedeutung der ägyptischen Astronomie zu zerstören. In diesem Zusammenhang wirkte er an der Publikation einer vierbändigen Ausgabe aller bestehenden ägyptischen astronomischen Texte mir.
Seine 1975 veröffentlichte und als Standardwerk geltende «History of Ancient Mathematical Astronomy» ist die Krönung seiner lebenslangen Beschäftigung mir der Astronomie als einer kontinuierlichen Überlieferung vom Nahen Osten des Altertums Ober die Welt der Antike bis zur Renaissance. Sein noch einflussreicheres Werk (es wurde während der letzten 30 Jahre immer wieder nachgedruckt und in verschiedene Sprachen, einschliesslich des Russischen und des Japanischen übersetzt) ist «The Exact Sciences in Antiquity». Mit diesem Werk öffnete er vielen Forschern und Amateuren das Tor zum Verständnis der antiken Mathematik und Astronomie.
Neugebauer interessierte sich auch in hohem Masse für die Weitergabe der exakten Wissenschaften im Mittelalter, die zum Teil über arabische und jüdische Kanäle lief.
So entstanden seine Studien über Maimonides und über die arabische Astronomie. In jüngster Zeit galt seine Aufmerksamkeit vor allem der äthiopischen Astronomie, wo er einmal mehr der erste war, Licht in das Dunkel zu bringen, indem er vor allem nachwies, dass die Berechnung von Ostern, wie sie in Äthiopien vom Mittelalter bis zur Gegenwart gilt, in beinahe unverfälschter Form die verlorene spätantiche Tradition der Alexandrinischen Kirche bewahrt hat.
Neugebauer hat das Studium der mathematischen Wissenschaften des Altertums, vor allem derjenigen des Nahen Ostens von Grund auf verändert. Er hat stets darauf bestanden, dass alle Verallgemeinerungen über den Charakter und den Einfluss der Wissenschaften der verschiedenen Völker des Altertums auf gründlicher Prüfung der Quellen zu beruhen hat, was nicht nur die Beherrschung der entsprechenden Sprachen und Schriftformen sowie umfassende mathematische Kenntnisse voraussetzt, sondern auch eine umfassende Bildung verlangt. Mit seinen stets von Übersetzungen und Kommentaren begleiteten Textsammlungen hat er auch jenen den Weg geebnet, die weniger gute Kenntnisse der entsprechenden Sprachen haben. Mit seinem direkten Einfluss auf Schüler in Europa und in den Vereinigten Staaten und der indirekten weltweiten Wirkung seiner Schriften und seines exemplarischen Vorgehens hat er einen Massstab gesetzt für das, was ein Wissenschaftshistoriker sein sollte.

(1986)
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