Thomas Nagel
USA/Serbien
Balzan Preis 2008 für Praktische Philosophie
Für seine richtungsweisenden Beiträge zur zeitgenössischen Ethiktheorie sowohl im Hinblick auf persönliche und individuelle wie auch auf kollektive und soziale Entscheidungen. Für die Tiefgründigkeit und Folgerichtigkeit seiner originellen philosophischen Perspektive, in deren Mittelpunkt die essentielle Spannung zwischen einemobjektiven und unpersönlichen und einem subjektiven und persönlichen Standpunkt steht. Für die Originalität und Produktivität seiner philosophischen Überlegungen zu einigen der wichtigsten Fragestellungen des zeitgenössischen Lebens.

Thomas Nagel, Professor für Philosophie und Jurisprudenz an der New York University, zählt zu den einflussreichsten zeitgenössischen Philosophen. Ab Mitte der 60er Jahre des vorigen Jahrhunderts hat er sich in zahlreichen grundlegenden Beiträgen mit einer grossen Zahl unterschiedlicher Probleme einer zeitgemässen Ethik auseinandergesetzt. Im Mittelpunkt seines philosophischen Werks steht eine originelle und fruchtbare These. Sie besteht in der Anerkennung einer essentiellen Spannung zwischen unterschiedlichen Standpunkten, die wir in unserem gelebten Leben einnehmen können, einem objektiven und unpersönlichen einerseits, einem subjektiven und persönlichen andererseits. Dieser Spannung entspringen die genuin philosophischen Probleme, sie beeinflusst aber auch die Beweggründe unseres Glaubens wie unseres Handelns.
In diesem Bezugsrahmen befasste sich Thomas Nagel bereits ab seinem ersten Buch The Possibility of Altruism (1970, Die Möglichkeit des Altruismus) mit den Problemen der Ethiktheorie und entwickelte eine Perspektive, in welcher objektive und unpersönliche Motive eine ausschlaggebende Rolle für die Orientierung bei unseren moralischen Entscheidungen spielen.

Die ethische Dimension unserer persönlichen und der sozialen Entscheidungen steht im Mittelpunkt des 1979 erschienenen Werks Mortal Questions (Letzte Fragen). Fragen des individuellen Lebens, wie die Erfahrung des Absurden, der moralischen Verstrickung, des Todes, der sexuellen Perversion, verflechten sich mit den Dilemmata der sozialen Entscheidung, welche in den Kapiteln über Krieg und Massaker, die Interpretation der Gleichheit und die Politik der Ungleichbehandlung analysiert werden. Im letzten Kapitel über “Subjektivität und Objektivität” zeigt Thomas Nagel, inwiefern die Spannung zwischen objektivem und subjektivem Standpunkt uns ermöglicht, auf den ersten Blick unerwartete Zusammenhänge zwischen verschiedenartigen Bereichen und verschiedenartigen Problemen zu erkennen.
The View from Nowhere (1986, Der Blick von Nirgendwo) ist sein systematischster Versuch, die Fruchtbarkeit seiner zentralen These nachzuweisen. Thomas Nagel untersucht das Problem des Geistes, der Beziehung zwischen Geist und Körper sowie des Bewusstseins und vertieft seine ethische Perspektive im Hinblick auf die Interpretation der Freiheit, der Werte, des Rechten und Guten bis hin zur Frage nach der Bedeutung unseres endlichen Lebens.

Zahlreiche Werke wie Equality and Partiality (1991, Gleichheit und Parteilichkeit), Other Minds: Critical Essays (1995), Concealment and Exposure (2002) und The Myth of Ownership: Taxes and Justice (zusammen mit Liam Murphy, 2002) bereichern seine philosophische Perspektive um wichtige Themen politischer und moralischer Theorie. “The Problem of Global Justice”, ein 2005 in der Zeitschrift Philosophy and Public Affairs erschienener wegweisender Aufsatz, war der Ausgangspunkt einer bedeutenden weitgespannten Kontroverse über die vermutlich schwierigste, aber unausweichlich gewordene Herausforderung für die zeitgenössische Politik- und Moralphilosophie.
Thomas Nagel verteidigte in seinem 1997 veröffentlichten Buch The Last Word (Das letzte Wort) die Rolle und Bedeutung der Vernunft gegen jegliche Form von Relativismus und Dekonstruktionismus. Seine tiefe Liebe zur Philosophie kommt vielleicht am unmittelbarsten zum Ausdruck in einem kleinen, meisterhaft klaren und prägnanten Werk, What Does It All Mean? A Very Short Introduction to Philosophy (Was bedeutet das alles?). Die Philosophie, erinnert uns Thomas Nagel, ist die Kindheit des Intellekts und eine reife Kultur, die sich dessen nicht bewusst ist, ist eine für alle verarmte Kultur.

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