Israel/USA

Saul Friedländer

Balzan Preis 2021 für Holocaust- und Genozidforschung

Für seinen beispiellosen Beitrag zur Entwicklung der Holocaustforschung. Für sein Meisterwerk, die umfassende Geschichte der Verfolgung und Vernichtung der europäischen Jüdinnen und Juden aufzuzeichnen. Für die Schaffung einer historischen Erzählung, welche das Unaussprechliche zum Ausdruck bringt, in-dem sie die wissenschaftliche Analyse mit den disruptiven Stimmen der Opfer, Täter und Zuschauer verflicht.

Saul Friedländer ist eine weltweit anerkannte Autorität auf dem Gebiet des Holocaust, aber er ist auch ein Überlebender. Genau diese Kombination ist es, die seine Einzigartigkeit ausmacht, indem er seine eigene Lebensgeschichte zu einer dynamischen Inspirationsquelle für seine Arbeit als Fachhistoriker nutzt. Er verknüpft intellektuelle Disziplin mit der Leidenschaft für Erinnerung und schreibt ein exakt recherchiertes und dokumentiertes Geschichtswerk, das die Eindringlichkeit und Wahrheit eines Kunstwerks besitzt. In seiner historischen Erzählung werden Fassungslosigkeit und Zweifel nicht beiseite gewischt, sondern werden ein moralisch logischer Ausgangspunkt für das, was geschah, wobei Saul Friedländers Selbstdisziplin und ruhiger Intellekt permanent für Ausgleich sorgen. Mit diesem Zugang erlangte Saul Friedländer eine beispiellose Bedeutung in dem neu entstandenen Feld der Holocaustforschung. Von entscheidender Wich-tigkeit sind hier seine maßgeblichen Interventionen bei einer Diskussion in den 1980er-Jahren mit dem deutschen Historiker Martin Broszat zur ‚Historisierung‘ von Nazi-Deutschland. Saul Friedländer unterstrich dabei, dass es gefährlich sei, die Nazizeit in Deutschland als ganz ‚normale‘ Periode in der Geschichte anzusehen, weil bei den Historikern so der Blick auf die Singularität des Nationalsozia-lismus verlorenginge. Er vertritt die Ansicht, dass der Nazismus aufgrund seines ‚Erlösungsantisemitismus‘ als singulär zu erachten sei, weil daraus eine Politik des Völkermords resultierte, die sich jedem Versuch entzieht, den Nazismus in eine ‚normale‘ geschichtliche Entwicklung Deutschlands einzuschreiben. Saul Friedländers Fähigkeit, fundierte Forschungstätigkeit in Archiven erfolgreich mit einer moralischen Haltung zu verknüpfen, zeigt sich schon in seinen frühen Publikationen über spezifische Aspekte des Holocaust, wie Pius XII. und das Dritte Reich (dt. Ausg. R. Specht/E. Jäckel, Reinbek bei Hamburg, Rowohlt, 1965). Die Singularität seines Zugangs findet jedoch ihren vollkommenen Ausdruck in seinem Meisterwerk, der Geschichte von der Verfolgung und Vernichtung der europäischen Jüdinnen und Juden in 2 Bänden: Das Dritte Reich und die Juden. Diese Bände kosteten ihn 16 Jahre seines Lebens (Band 1 wurde 1997 veröffentlicht; Band 2 im Jahr 2007). Beide zusammen bieten die erste umfassende Geschichte des Holocaust: alle besetzten Länder Europas wurden berücksich-tigt und erstmals die Entwicklungen in Ost- und Westeuropa in einen einzigen interpretatorischen Rahmen gefasst. Dieser alles umfassende Zugang ist einer der Gründe, warum Saul Friedländers Arbeiten bis zum heutigen Tag so großen Einfluss haben. Der zweite Hauptgrund ist die außerordentliche Art und Weise, wie er persönliche Dokumente verwendet, die im Angesicht der Ereignisse von Opfern, Tätern und Zuschauern niedergeschrieben wurden. Diese Stimmen er-wecken eine Atmosphäre, die von anderen Quellen nicht vermittelt wird. Saul Friedländers Arbeiten waren ein großer Ansporn für den Einsatz persönlicher Dokumente in der Geschichte des Holocaust und sind nunmehr gängige Praxis. Saul Friedländers Originalität drückt sich auch in einer besonderen Art des Ich-Bewusstseins aus. Obwohl er die Notwendigkeit einer selbstkritischen Haltung betont, um übermäßige Subjektivität zu minimieren, vertritt er doch auch die Ansicht, man solle unangemessene Zurückhaltung und allzu lähmende Vorsicht vermeiden. Überlegungen zum Zusammenhang von Geschichte und Erinnerung, einschließlich der eigenen, sind stetiger Impuls für seine wissenschaft-liche Arbeit. Neben wissenschaftlichen Publikationen wie Memory, History, and the Extermination of the Jews of Europe (1993), verfasste er zwei Memoirenbände. In Wenn die Erinnerung kommt (1979) denkt er über den Verlust seiner Eltern und die Bedeutung seiner jüdischen Wurzeln nach. Wohin die Erinnerung führt(2016) ist eine Geschichte des intellektuellen Erwachsenwerdens, die sich über drei Kontinente erstreckt und es ihm gestattet, über jene Ereignisse nachzusinnen, die zu seiner lebenslangen Faszination für jüdisches Leben und Geschichte geführt haben. Mit seinem Band über die Erinnerung beweist er praktisch und theoretisch, dass die Opfer des Holocaust auch Holocaust-Forscher sein können. Für die Weiterentwicklung dieses Bereichs war dies von enormer Wichtigkeit.

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