Norberto Bobbio
Italien
Balzan Preis 1994 für Rechtswissenschaft und Politik (Regierbarkeit der Demokratien)
Dem herausragenden Professor, Philosophen und Rechtshistoriker, der durch seine Lehrtätigkeit, sein Werk und sein Engagement als Staatsbürger einen überaus wichtigen Beitrag zu den theoretischen und praktischen Aspekten der Regierbarkeit von Demokratien geleistet hat.

Ein Vordenker in beständiger Zwiesprache mit gesellschaftlichen Gruppierungen, deren Weiterentwicklung ihn, den Gelehrten, zwingt, sich in seiner Eigenschaft als Bürger selbst zu befragen, um den Führungskräften dieser Gruppierungen Fragen stellen zu können. Dieser Philosoph ist zugleich ein umfassend gebildeter Historiker, ein Umstand, der es ihm ermöglicht, die Probleme seiner Zeit in grössere Zusammenhänge zu rücken, in den der Geschichte des politischen Denkens ebensowohl wie in den des Risorgimento. Diese Zwiesprache, angeregt durch die stets hellwache Neugierde und den kritischen Geist eines Mannes, der alles Erworbene wieder in Frage stellt, gewinnt in Aufsitzen Gestalt, in denen sich eine Denkweise bekundet, die danach strebt, den Zusammenhang zwischen dem, was bleibt, und dem, was sich ändert, aufrecht zu erhalten.

Seine allgemeine Rechtstheorie entfaltet sich in Schriften, die seine Entwicklung bis zum Bande des Jahres 1993 markieren. Und ebenfalls in Aufsitzen - in der Form, in der seine Zwiesprache mit der Gesellschaft und der Weg seines Denkens manifest werden - entfaltet sich seine Vorstellung von der Regierung in der Demokratie, dem für die Zuerkennung des Balzaripreises 1994 vorgesehenen Thema, dem er zeit seines Lebens sein Nachdenken zuwandte, wie seine Biographie und seine Bibliographie deutlich bezeugen.
Welche Folgerungen sind aus dieser gerafften Nennung von Mensch und Werk zu ziehen? Rufen wir uns zunächst den Ausgangspunkt ins Gedächtnis. Im Jahre 1935 erhält Norberto Bobbio die Lehrbefugnis für Rechtsphilosophie und beginnt mit dem Hochschulunterricht. Neunundfünfzig Jahre sind vergangen. Im kommenden Jahr wird sein 6O-jähriges Jubiläum als Hochschulprofessor und als geistiges Vorbild auf den Kampfplätzen des politischen Geschehens gefeiert. Das Jubiläum eines Meisters, der zwei Grunddisziplinen beherrscht, die Philosophie und die Geschichte, eines Humanisten, eines auf Genauigkeit und Kohärenz bedachten Gelehrten, der sich um Beachtung und Wahrung der Normen und zugleich um die Duldung einer relativen Flexibilität bei ihrer Interpretation bemüht, eines mutigen Mannes, dessen Einsatz im Kampf um die Einrichtung demokratischer Institutionen auf fortwährender Beschäftigung mit diesem Gegenstand und auf eigener Forschung beruht. Erwähnt sei in diesem Zusammenhang seine anlässlich der Überreichung des europäischen Essai-Preises der Charles Veillon Stiftung gehaltene Rede “Die Macht und das Recht”. Eine dichte Ansprache, die von Guglielmo Ferreros Buch Pouvoir (1943) ausgeht, die Bobbio Gelegenheit zu einer Untersuchung der Beziehungen zwischen dem Prinzip der Legitimität und dem Prinzip der Legalität gibt und zu einem Hinweis auf Max Weber und Hans Kelsen, “deren Einfluss auf meine politikwissenschaftlichen und juristischen Forschungen am nachhaltigsten war.”

Auch Norberto Bobbio übt und wird weiterhin einen “nachhaltigen” Einfluss auf jegliche “juristische und politikwissenschaftliche” Forschung über die Grundlagen demokratischer Regierungsformen ausüben. Doch steckt in diesem Theoretiker auch ein Praktiker, der in seinen Aufsätzen über die Zukunft der Demokratie eine eher seltene Eigenschaft an den Tag legt: den gesunden Menschenverstand. Ausgehend von einer “Minimaldefinition” der Demokratie hütet er sich, Grundrisse ihrer wahrscheinlichen künftigen Entwicklungen zu entwerfen; er begnügt sich vielmehr mit der Beschreibung unvermeidlicher Anpassungen, denen die Institutionen demokratischer Gesellschaften dadurch unterworfen sind, dass neue Probleme und neue Handlungsträger auftreten. Anpassungen, die jedesmal die Inkaufnahme einer Gefahr und die Infragestellung der Demokratie mit sich bringen. Und wenn er nichtsdestoweniger hartnäckig die Vorstellung verficht, auf das Zeitalter der Tyranneien Elie Halévys könne ein Zeitalter der Demokratien folgen, so reagiert er doch sofort auf cm mögliches Abgleiten in Illusionen dadurch, dass er im Jahre 1991 der Problematik internationaler Beziehungen ein neues Kapitel im Buch Il futuro della democrazia widmet. Hierbei stellt er zwei vorzügliche Fragen an den Anfang: “Ist ein internationales demokratisches System zwischen lauter autokratischen Staaten denkbar?” “Ist ein internationales autokratisches System zwischen lauter demokratischen Staaten denkbar?”

Die Antwort darauf gibt er in seiner Einleitung: “Das ideale System eines stabilen Friedens könnte durch eine zusammenfassende Formel definiert werden: eine universelle demokratische Ordnung demokratischer Staaten. Man braucht nicht hinzufügen, dass diese Formel wie alle Idealformeln nicht in den Bereich des Existierenden, sondern in den des Wünschbaren gehört.”
Diese Überlegung ist bedeutsam für die Art des Vorgehens: Norberto Bobbio bewegt sich auf vermintem Terrain, aber er hält niemals inne.


(1994)
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