Michael Cook

USA/Grossbritannien

Balzan Preis 2019 für die Islamwissenschaft

Für den außergewöhnlichen Einfluss seiner Studien auf mehrere islamwissenschaftliche Forschungsgebiete und insbesondere die Erforschung der Herkunft und Frühgeschichte des islamischen Denkens, die intellektuelle, soziale und politische Geschichte des Islam über die Jahrhunderte hinweg und sein Platz in der Weltgeschichte; für die herausragende und gründliche Gelehrsamkeit, die ihre Themen in eindrücklicher zeitlicher und geographischer Breite, mit methodischer Strenge und mit einem vorbildlichen vergleichenden Ansatz angeht; und für die sorgfältige philologische Analyse von Primärquellen in Arabisch, osmanischem Türkisch, Persisch, Hebräisch, Syrisch, Südarabisch und Sanskrit.

   Michael Cook ist einer der führenden Islamwissenschaftler unserer Zeit. Er hat das Fach mit wesentlichen Beiträgen vorangebracht. Fachleute sowohl im Westen wie auch in den arabischen Ländern und im Iran haben sein Werk anerkannt und gepriesen. Cook ist ein überaus produktiver und gelehrter Wissenschaftler, der achteinhalb Monographien und zahlreiche Artikel verfasst sowie verschiedene Sammelbände herausgegeben hat. Dazu zählt die monumentale sechsbändige The New Cambridge History of Islam, ein weithin anerkanntes Referenzwerk, das den aktuellen Stand der Islamwissenschaften darstellt. Einige seiner Bücher wurden in mehrere westliche Sprachen übersetzt, aber auch in solche des Nahen Ostens. Zudem ist Michael Cook ein hoch angesehener akademischer Lehrer und Mentor für mehrere Generationen von herausragenden Islamwissenschaftlern.
   Michael Cooks Publikationen decken ein breites Spektrum von Themen ab, die den Islam in seiner weiten zeitlichen und räumlichen Dimension abbilden. Ein besonderer Schwerpunkt liegt auf der Entstehung der islamischen Zivilisation und der Rolle, die religiöse Werte dabei gespielt haben. Zu Cooks Themen zählen das präislamische Arabien, die Geschichte des Korans, frühe Hadithstudien, das Leben des Propheten Mohammed und seiner Gefährten, islamische Theologie, Ethik und Recht, die Geschichte der Umayyaden, der Abbasiden und der späteren islamischen Dynastien, die Geschichte Arabiens und des Wahhabismus, der Fundamentalismus im Hinduismus, im Christentum wie auch im Islam, von der Vormoderne bis in die Gegenwart. Am Beginn seiner Karriere fokussierte Cook auf die Wirtschafts- und Sozialgeschichte des Osmanischen Reiches in der Frühen Neuzeit. Dann wandte er sich den Ursprüngen des Islams und der Entwicklung der muslimischen Lehre zu, wobei er seine Aufmerksamkeit
auf zentrale Elemente der muslimischen Ideen- und Rechtsgeschichte sowie den Platz des Islam in der Weltgeschichte und auf eine Vielzahl anderer Themen richtete.
   Die wissenschaftliche Arbeit von Michael Cook zeichnet sich durch außerordentliche Fachkompetenz, seine weite zeitliche und geographische Dimension, methodische Strenge und ihren vergleichenden Ansatz aus. Sie stützt sich auf eine sorgfältige philologische Analyse der Primärquellen in Arabisch, osmanischem Türkisch, Persisch, Hebräisch, Syrisch, Südarabisch und Sanskrit.
   Seine wichtigste Publikation, Commanding Right and Forbidding Wrong in Islamic Thought (Cambridge University Press, 2000; die Übersetzung ins Arabische erschien in Beirut), wurde allgemein als „Meisterwerk“ gefeiert (Michael Chamberlain) und als „ein herausragendes Beispiel für philologischen Orientalismus im besten Sinn“ (Fred Donner). Das Buch beruht auf einer gründlichen Analyse von Hunderten arabischen, persischen und türkischen Manuskripten und gedruckten Quellen. Es bietet eine tiefschürfende Lektüre und Deutung des zentralen ethischen Prinzips „Recht befehlen und Unrecht verbieten“ im islamischen Recht und in juristischen Debatten und fragt danach, wie die verschiedenen Sekten und Schulen der islamischen Theologie und Rechtslehre es verstanden und angewandt haben. Die Untersuchung beginnt mit dem Koran, schreitet chronologisch bis ins späte zwanzigste Jahrhundert voran und behandelt die Auswirkungen auf das Alltagsleben und die soziale Organisation der Muslime. Die Studie vergleicht dieses Prinzip zudem mit ethischen Anweisungen anderer Religionen und mit säkularen Traditionen und Werten im Westen.
   Cooks kürzere Bücher, etwa Muhammad (Oxford University Press, 1983/1996) oder The Koran: A Very Short Introduction (Oxford University Press, 2000; Der Koran. Eine kurze Einführung, Reclam, Stuttgart 2002), präsentieren die Ergebnisse gründlicher wissenschaftlicher Arbeit in einem allgemeinverständlichen und angenehmen Stil für ein breites Publikum. Zugleich erörtern sie kritisch Themen, die für Fachleute sehr relevant sind. Dazu gehören die Verlässlichkeit frühislamischer Quellen, die zwei Jahrhunderte nach den beschriebenen Ereignissen entstanden, oder die Authentizität von uslimischen Traditionen, das kulturelle und religiöse Umfeld, aus dem der Islam und sein Prophet hervorkamen, und die Bedingungen, unter denen der Korantext zusammengetragen wurde.
  Michael Cooks jüngste Monographie Ancient Religions, Modern Politics: The Islamic Case in Comparative Perspective (Princeton: Princeton University Press, 2014) ist eine Studie über die Rolle der religiösen Überlieferung in der heutigen Politik. Sie vergleicht die Identität, die sozialen Werte und die Politik im Hinduismus, im lateinamerikanischen Katholizismus und im Islam von den Anfängen bis in die Gegenwart und kann als Beitrag zur Globalgeschichte gelesen werden.
   Zusammenfassend lässt sich sagen, dass Michael Cooks Arbeiten einen großen Einfluss in vielen Feldern der Islamwissenschaft ausgeübt haben. Vor allem gilt dies für seine Forschungen zum Entstehen und zur Frühgeschichte des islamischen Denkens, zur intellektuellen, sozialen und politischen Geschichte des Islams über die Zeiten hinweg und zur Stellung des Islams in der Globalgeschichte.