Nation USA Jahr 2026
David Nirenberg
Balzanpreis 2026 für Jüdische Studien
Für seine bahnbrechenden wissenschaftlichen Arbeiten und Beiträge zum Judentum, zum Antijudaismus und zur Dynamik der Beziehungen zwischen Juden, Christen und Muslimen; für seine minutiöse Forschungen und theoretischen Erkenntnisse über die grundlegende Wechselbeziehung zwischen Gewalt und Toleranz. Seine rigorosen historischen Analysen und seine Beherrschung eines breiten Spektrums an Quellen in verschiedenen Sprachen und Fachgebieten haben unser Verständnis für nicht nur historische, sondern auch zeitgenössische Fragestellungen erweitert.
LaudatioDavid Nirenbergs herausragende Beiträge sind von grundlegender Bedeutung für die Judaistik, erschließen aber auch Bereiche weit über dieses Fachgebie hinaus, um drängende Fragen unserer Zeit zu behandeln, darunter die Ursprünge moderner Missstände. Da Gewalttaten nicht Teil einer längst hinter uns gelassenen primitiven europäischen Vergangenheit sind, hat sich Nirenberg mit der „Sehnsucht nach Zeiten und Orten friedlicher religiöser Interaktion“ auseinandergesetzt. Er möchte verstehen, „wann Europa auf die schiefe Bahn geraten ist“. Daher untersuchte er die kreativen und destruktiven Potenziale, die die drei Religionen im Verhältnis zueinander hervorgebracht haben, identifizierte Determinanten, die es multireligiösen Gesellschaften ermöglichten, sowohl Koexistenz als auch gewalttätige Intoleranz hervorzubringen, und argumentierte, dass positive und negative Potenziale in polarisierten Gesellschaften untrennbar miteinander verbunden sind.
Sein Buch Communities of Violence (1996) leistet einen bedeutenden Beitrag zur Judaistik, indem es das essentialistische und übermäßig auf Kontinuität ausgerichtete Paradigma der Antisemitismusforschung im Mittelalter in Frage stellt. Er schlägt eine Perspektive vor, die den Fokus auf die Nachbarschaft, die lokalen Determinanten der Feindseligkeit, deren rituelle Dimension und deren politische Bedeutung legt. Er unterzieht seine Quellen mit methodischer Strenge einer kritischen Prüfung und geht dabei der Frage nach, was als Beleg für Unterdrückung oder Ausrottung und was als Hinweis auf Toleranz, Koexistenz oder Religionsfreiheit angesehen werden kann. Da Geschichte nach verschiedensten Perspektiven benutzt werden kann, „als Quelle geopolitischer Erklärungen, moralischer Gewissheit und sogar kosmologischen Trostes für Gemeinschaften in der Gegenwart“, versucht Nirenberg zu ermitteln, wie die Berichte zu jener Zeit gestaltet waren. Zu diesem Zweck wendet er einen mikrohistorischen Ansatz an, um die Motive, Optionen und Entscheidungen derjenigen zu untersuchen, die die Quellen erstellt und bewahrt haben. Anhand dieser Aufzeichnungen hinterfragt Nirenberg, auf welche Weise Beteiligte und Zeugen großangelegter Gewalt ihr Zusammenleben mit Nachbarn rechtfertigten, die nicht denselben Glauben teilten. Dieses antistrukturalistische Werk stellt das Paradigma einer verfolgenden Gesellschaft in Frage und hat erheblichen Einfluss auf Historiker, die sich mit diesen Themen befassen.
Nirenbergs nachfolgendes Hauptwerk Anti-Judaism (2013) – das zu einem Standardwerk wurde – vertritt Ansichten, die deutlich von denen in Communities of Violence abweichen. Er versucht, die Fortdauer des Antisemitismus in der heutigen Zeit zu verstehen und argumentiert, dass die Feindseligkeit gegenüber Juden kein archaisches oder irrationales Relikt im westlichen Denken ist, sondern eine erklärende Kraft, ein grundlegender Baustein, auf dem das Gebäude ruht. Nach Nirenbergs Ansicht ist eine gewisse Vorstellung vom Judentum tief im Gefüge der westlichen Zivilisation verankert. Dieses Werk zeugt von der seltenen Fähigkeit, historische Präzision mit konzeptionellem Anspruch zu verbinden, und stellt einen wichtigen Meilenstein im wissenschaftlichen Verständnis dieses Phänomens dar. Tatsächlich könnte es auf eine paradigmatische Neuausrichtung in diesem Forschungsfeld hindeuten – eine laufende Debatte zu beeinflussen und neu zu gestalten.
David Nirenberg hat sich als wegweisender Wissenschaftler der Judaistik erwiesen, was durch zahlreiche renommierte Auszeichnungen, Ehrungen, Stipendien und institutionelle Kooperationen auf der Grundlage seines Gesamtwerks anerkannt wurde. Auch als öffentlicher Intellektueller hat er bedeutende Spuren hinterlassen, wie seine Mitwirkung an Dokumentarfilmen sowie seine regelmäßige Präsenz in den Medien belegen. All diese Auszeichnungen und öffentlichen Beiträge erfolgten während seiner führenden Verwaltungsfunktionen in seinem Fachgebiet, wie beispielsweise in seiner derzeitigen Position als Direktor des Institute for Advanced Study in Princeton. Zudem gilt Nirenberg als hochgeschätzter Mentor für Studierende und Forscher.
Nirenbergs Leistungen sind zweifellos des Balzanpreises für Jüdische Studien würdig. Auβerdem ist er in einer einzigartigen Position, die ihm erlaubt, seine richtungsweisende Forschung weiterzuentwickeln. Seine Arbeit zum Thema Gewalt hat leider eine beunruhigende aktuelle Relevanz, da sie uns daran erinnert, „wie eigenartig die Albträume einer fernen Vergangenheit unseren eigenen ähnlich sind“. Es ist heute mehr denn je notwendig, unser Verständnis für Handlungsfähigkeit bei Katastrophen zu vertiefen, wie Nirenberg es so meisterhaft aufzeigt.